Vorwürfe an die Gesellschaft
und die Aids-Hilfen
Es ist selten, dass HIV-positive Menschen mit ihrer Ansteckung offenumgehen. Zu gross ist die Angst, diskriminiert zu werden, vor allem, wenn’s um Sex geht. Steht man einem ?HIV-Positiven gegenüber, ist das ja ?noch in Ordnung. Beim Küssen kommt schon die erste Zurückhaltung. Sollte es sexuell zur Sache gehen, brennen bei fast allen Menschen die psychischen Sicherungen durch.
Remo H. hat im September 2009 mit einem Betroffenen das folgende Interview geführt und garantiert die Echtheit des Gesprächs. Der Name des Interview-Partners ist frei erfunden. Er möchte aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes anonym bleiben. Auch wenn in diesem Gespräch happige Vorwürfe an die Aids-Hilfe Schweiz und die Zürcher Aids-Hilfe gemacht werden, veröffentlichen wir diese Aussagen. Widerspiegeln sie doch die Ohnmacht des Einzelnen, gegen die Vorurteile der Gesellschaft und der Schwulen ankämpfen zu können. Den Aids-Hilfen bietet der Cruiser in der kommenden Ausgabe die Gelegenheit, dazu Stellung zu nehmen.
Alex, wie alt bist du und was machst du beruflich?
Ich bin 35 Jahre alt und arbeite als Lehrer.
Wann hast du dich mit HIV angesteckt und wie?
Ich habe mich mit 27 Jahren mit HIV angesteckt. Es war in einer Zeit, ?in der es mir psychisch sehr schlecht ging. Vor allem aber weil damals eine Beziehung in die Brüche ging. Ich bin in ein Loch gefallen mit starken Depressionen. Ich habe versucht, die Traurigkeit und den Frust mit zahlreichen sexuellen Kontakten zu verdrängen. Dabei war es mir aus heute unverständlichen Gründen egal, ob ich Safer Sex praktizierte oder eben nicht. Somit weiss ich nicht, wer mich angesteckt hat. Vom Zeitpunkt meines Tiefs bis zur Ansteckung hat es fast ein Jahr gedauert. Meine Ansteckung wurde im Zusammenhang mit einer Syphilis-Infektion festgestellt.
Wie bist du damit umgegangen?
Ich war im ersten Moment geschockt und bei meinem Arzt in Tränen ausgebrochen. Ich hatte aber sofort Hilfe und Unterstützung bekommen durch gute Freunde und Verwandte, welche mich auffiengen. Rückblickend muss ich sogar sagen, dass es mir seit meiner Ansteckung besser geht als zuvor.
Kannst du das erklären?
Ich wurde wieder gezwungen auf mich aufzupassen und Sorge für mich zu tragen. Ich holte mir aber auch Hilfe in komplementärmedizinischer Sicht wie zum Beispiel aus der Homöopathie, der chinesische Medizin und der Pflanzenheilkunde. Ich achte seitdem auch sonst darauf, dass ich einen möglichst gesunden Lebensstil führe. Selbstverständlich gehe ich regelmässig zur ärztlichen Kontrolle. Meine HIV-Infektion hat mir wieder ein Bewusstsein für den Wert des Lebens gegeben.
Nimmst du Medikamente gegen die Krankheit?
Ich habe erst vor ein paar Monaten mit den Medikamenten begonnen. Im Übrigen sehe ich HIV nicht als eine Krankheit, sondern als eine chronische Infektion.
Wieso hast du so spät mit den Medikamenten angefangen.
Zum einen ist es nicht in jedem Fall notwendig, sofort mit einer medikamentösen Behandlung anzufangen und zum anderen erachte ich die Medikamente auch nicht als völlig bedenkenlos, obwohl heutzutage die Nebenwirkungen praktisch nicht mehr spürbar sind. Vielleicht hatte ich Angst mit den Medikamenten zu beginnen, weil man diese ?– zumindest aus heutiger Sicht – für den Rest seines Lebens nehmen muss. Wohl oder übel kam ich aber an den Punkt, wo ich aus gesundheitlichen Gründen nicht länger zuwarten konnte.
Du sagtest, dass du Freunde und Verwandte hast, welche dir Mut machen und dich unterstützen. Wie offen gehst du mit deiner Ansteckung um?
Ich habe nur wenigen engen Freunden und ausgewählten Verwandten ?von meiner Infektion erzählt. Meine Eltern, zum Beispiel, wissen nichts davon, da sie mit solch einer Information leider nicht umgehen könnten.
Du bist auf mich zugekommen, weil du dieses Interview machen wolltest. Was ist deine Motivation dafür?
Ich bin nicht jemand, der sich hinter einer HIV-Infektion verstecken möchte – im Gegenteil. Die Erfahrungen, welche ich in den vergangenen Jahren gemacht habe, führen mich dazu, auf diese Weise meinem Unmut, was die Dummheit und Ignoranz vieler Menschen betrifft, Luft zu machen und vielleicht einen Beitrag zur Verminderung der Diskriminierung von HIV+-Menschen zu leisten.
Was meinst du genau mit der Dummheit und Ignoranz vieler Menschen?
Zum einen schockieren mich immer wieder gewisse Aussagen und das Verhalten von Menschen, denen ich offenbare, dass ich HIV+ bin und zum anderen fühle ich mich von der Aids-Hilfe Schweiz und der Zürcher Aids-Hilfe im Stich gelassen. Wenn ich zum Beispiel jemandem meinen positiven Status erzähle – egal, ob vor oder nach dem Sex – sucht diese Person in der Regel auf die eine oder andere Weise das Weite. Ich muss mir immer wieder Aussagen anhören wie: Ich hätte die Verpflichtung, es jedem vor dem Sex zu sagen; Wie ich es wagen könne, jemanden dem Risiko einer HIV/Aids-Ansteckung auszusetzen; HIV/AIDS sei immer noch eine tödliche Krankheit; «Ich habe Angst mich durchs Küssen anzustecken»; Man müsse andere Menschen vor HIV+-Menschen warnen.Diese Aussagen stammen wohlgemerkt von Männern, mit denen ich Safer Sex hatte. Vielfach sagen sie anschliessend gar nichts mehr und meiden mich so gut es geht. Dabei schockiert und verletzt mich vor allem die brutale sexuelle Diskriminierung zutiefst. Solange man mit einem HIV+-Menschen nicht Sex hat, ist das ja noch in Ordnung. Aber sobald es um Sex geht, brennen bei fast allen Menschen die psychischen Sicherungen durch. Alle ?diese Aussagen und Verhaltensweisen entbehren für mich jeglicher Rationalität. In Anbetracht der allgemein vorherrschenden Promiskuität – vor allem in der Schwulenszene – ist die sexuelle Diskriminierung gegenüber jemandem, der offen zu seinem positiven Status steht, absolut irrational bzw. eben dumm.
Du hast gesagt, dass du dich von der Aids-Hilfe Schweiz und der Zürcher Aids-Hilfe im Stich gelassen fühlst. Kannst du das erläutern?
Natürlich kann man sagen, dass solche Aussagen und Verhaltensweisen auf die Ignoranz einzelner Menschen zurückzuführen sind. Auf der anderen Seite frage ich mich des Öfteren, was denn die sogenannten «Aids-Hilfen» gegen solche Diskriminierungen unternehmen oder bewusst verschweigen?! Damit meine ich zum Beispiel, dass es mir unverständlich ist, dass die Aids-Hilfen wichtige Fakten und Informationen bewusst zurückhalten. Abgesehen davon, dass ich das Wort «Aids»-Hilfe nicht mehr adäquat finde. Das Wort «Aids» suggeriert leider in den meisten Köpfen ein Schreckenszenario, welches dank der Medizin längst der Vergangenheit angehört. Umso wichtiger wäre heutzutage eine Hilfe gegen die gesellschaftliche und sexuelle Diskriminierung von HIV+-Menschen. Es geht in der westlichen Welt nicht mehr um eine Hilfe gegen «Aids», sondern um eine aufrichtige, konfrontierende und umfassende Aufklärung in Sachen gesunder Sexualität.
Was meinst du genau mit der Aussage, die Aids-Hilfen würden wichtige Fakten und Informationen zurückhalten?
Ich spreche davon, dass sich heutzutage die HIV-Mediziner einig sind über die Tatsache, dass ein HIV+-Mensch, der einer medikamentösen Behandlung unterliegt und dessen Viruslast im Blut auf «nicht mehr nachweisbar» sinkt, als nicht mehr ansteckend gilt. Das heisst, dass die Medikamente das Virus aus dem Blut verdrängen, tiefer in die Körperzellen, und somit eine Ansteckung durch das Blut oder Sperma gar nicht mehr möglich ist. Da man also bei richtiger Anwendung von Safer Sex die Gefahr einer Ansteckung praktisch ausschliessen kann, gibt es bei Menschen mit HIV, welche Medikamente nehmen, absolut keinen Grund, sich vor einer Ansteckung zu fürchten. Die Frage, welche man sich heutzutage in der westlichen Welt also noch stellen könnte, ist nicht mehr: «Bist du HIV+ oder nicht?», sondern «Nimmst du Medikamente oder nicht?» und wenn ja: «Ist deine Viruslast auf nicht mehr nachweisbar im Blut gesunken?»
Wieso denkst du, dass diese Information von den Aids-Hilfen zurückgehalten wird?
Vermutlich weil sie befürchten, dass diese wesentliche Information jegliche Präventionsbemühungen zunichte machen würde. Ich bin jedoch der Meinung, dass diese Verheimlichung skandalös und überhaupt keine Hilfe für die Betroffenen ist – im Gegenteil. Aus Angst vor Veränderungen wichtige Informationen der Allgemeinheit vorzuenthalten, hat noch nie etwas Gutes gebracht. Natürlich bräuchte es bei der Veröffentlichung dieser Information eine neue Ansatzweise für Präventionskampagnen. Aber für irgendetwas bekommen sie ja auch staatliche Gelder.
Ich erachte des Weiteren alle anderen sexuell übertragbaren Krankheiten wie zum Beispiel Syphilis, Tripper, Clamydien oder Hepatitis als viel gefährlicher. Und zwar aus dem Grund, dass man sich effektiv vor HIV schützen kann, vor allen anderen sexuell übertragbaren Krankheiten jedoch nicht.
Was wünschst du dir von der Gesellschaft und der Aids-Hilfe?
Von der Aids-Hilfe wünsche ich mir zum einen, dass sie die zu Beginn erwähnte Information veröffentlichen und andere Präventionskampagnen zur Bekämpfung der Ausbreitung von HIV und der sexuellen Diskriminierung der Betroffnen erarbeiten. Zum anderen wünsche ich mir eine verstärkte Aufklärungskampagne, was die anderen sexuellen übertragbaren Krankheiten betrifft.
Von der Gesellschaft wünsche ich mir, dass sie sich vollumfänglich über die Ansteckungsmöglichkeiten von HIV und den anderen übertragbaren Krankheiten informiert und entsprechend reif und intelligent danach handelt.
Ich wünsche mir aber vor allem von den Schwulen, dass sie mitein-ander auf eine solidarische und liebevolle Weise umgehen. Die Welt hat genug schreckliche Schauplätze.
Ich wünschte mir, dass alle Menschen mit HIV offen und ehrlich zu ihrem positiven Status stehen könnten – ohne Angst zu haben, gesellschaftlich oder sexuell diskriminiert zu werden. ?
Gekürzt und bearbeitet von Martin Ender
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