Regisseur Daniel Schmid
Geschichtenerzähler und Weltenbummler
Ende der Sechzigerjahre zog Daniel Schmid nach Berlin. Er studierte an der Deutschen Film- und Fernsehakademie und fand mit den Filmemachern Rainer Werner Fassbinder und Werner Schroeter zwei enge Freunde. 2006 ist Schmid verstorben. Nun zeigt das Kino Xenix in Zürich nebst einem Dok-Film über sein Leben sein ganzes Filmschaffen.
Daniel Schmid kam 1941 im Hotel Schweizerhof in Flims-Waldhaus zur Welt. Seine Grossmutter erzählte ihm immer wieder phantastische Geschichten und dann wurde er selbst Geschichtenerzähler. In Berlin wohnte er in einer WG mit dem späteren RAF-Terroristen Andreas Baader... und lernte auch Rainer Werner Fassbinder kennen. Seine Inszenierungen führten ihn nach Marokko, Italien, Japan – und immer wieder zurück in die Schweiz. Wenn es ihm in Zürich zu eintönig wurde, flüchtete er nach Flims ins Hotel und wenn es ihm in der mondänen Gesellschaft des Speisesaals zu eng wurde, flüchtete er hinauf unters Dach des Grandhotels, in die Dachstube der Fantasie, wo die Spinnen der Erinnerung ihre Netze auswarfen. Hinter jeder Tür lauerte eine Geschichte, die Treppen führten hinab in die Vergangenheit und hinauf in die Zukunft. Und unten sass Dieter Meier am Piano. Das Xenix Kino in Zürich zeigt nun sämtliche Filme von Daniel Schmid. Sehr persönliche Einblicke in das ereignisreiche Leben des 2006 verstorbenen Film- und Opernregisseurs gibt der soeben angelaufene Dokumentarfilm «Daniel Schmid – Le chat qui pense» von Pascal Hofmann und Benny Jaberg.
Dokumentarfilm über Schmid
13. und 27. Juni:
Daniel Schmid – Le chat qui pense (2010)
Der Dokumentarfilm von Pascal Hofmann und Benny Jaberg gibt Einblick in das Leben von Daniel Schmid. Er erzählt von dessen Kindheit im familieneigenen Belle-Époque-Hotel in den Bündner Bergen, vom Verlassen der Heimat, vom Berlin der Sechzigerjahre, von der Liebe zum Kino und dem schicksalhaften Aufeinandertreffen mit Rainer Werner Fassbinder, vom Umzug nach München.
Werke von Schmid im Xenix
3. bis 6. Juni: La Paloma (1974).
Wenn die Nachtklubsängerin Viola Schlump (Ingrid Caven) auftritt, sitzt der reiche, schwer verliebte Graf Isidor Palewski im Publikum. Seit Jahren folgt er der unter dem Namen «La Paloma» auftretenden Schönheit und macht ihr vergeblich den Hof. Erst als bei ihr Schwindsucht im letzten Stadium diagnostiziert wird, ist sie bereit, des Grafen Mätresse zu werden.
6. und 20. Juni:
Guglielmo Tell.
Gioacchino Rossini, der berühmteste Komponist seiner Zeit, schreibt die Oper Guglielmo Tell, die dank ihrer eingängigen Musik und ihrer melodramatischen Handlung besonders populär wird. Daniel Schmid: «Als ich anfing, Opern zu inszenieren, habe ich versucht, es mit dem Auge des Filmemachers zu tun.
7. bis 9. Juni:
Thut alles im Finstern, eurem Herrn das Licht zu ersparen (1970).
Daniel Schmids Erstling ist eine fiktive Dokumentation über die letzte Dienerschule Europas und zeigt einen italienischen Palazzo mit der Dienerschaft und einer alten Frau. Labyrinthisches Kino, das bereits die grundlegenden Elemente von Daniel Schmids Arbeit enthält. Gleichentags: Notre dame de la Croisette (1981). Eine junge Touristin, die sich vergeblich um eine Akkreditierung für die Filmfestspiele bemüht und schliesslich das Geschehen auf dem TV-Aapparat in ihrem Hotelzimmer anschaut. Daniel Schmid glossiert den Ablauf eines Festivals.
10. bis 13. Juni: Violanta (1977).
Zur Hochzeit seiner Halbschwester Laura reist Silver von Venedig in seine Heimat – ein abgelegenes Bergtal an der schweizerisch-italienischen Grenze. Doch ihre Begegnung stürzt die beiden jungen Leute in eine heftige Verwirrung der Gefühle. Gleichzeitig wird die einflussreiche Richterin Violanta, Lauras Mutter und Silvers Stiefmutter, von Gespenstern der Vergangenheit heimgesucht.
14. bis 16. Juni: Heute nacht oder nie (1972).
Daniel Schmids erster Langspielfilm ist eine opernhaft-exaltiert gestaltete Allegorie auf das Verhältnis zwischen Herren und Dienern, die in den dekadent-üppig dekorierten Salons des Hotels Schweizerhof in Flims-Waldhaus gedreht wurde. Gleichentags: Miriam (1968). Daniel Schmids eigentlicher Erstling ist der Versuch eines ungewöhnlichen Horrorfilms: Ein kleines Mädchen bittet eine ältere Dame, ihr eine Kinokarte zu kaufen. Das Mädchen drängelt sich in die nächtliche Wohnung der Dame und fordert Essen und Geschenke. Am nächsten Tag bittet die Dame um Hilfe...
17. bis 20. Juni: Hécate (1982).
Bei einem Diner begegnet der Botschafter Julien Rochelle völlig unvorbereitet seiner ehemaligen Geliebten aus der Zeit, die er in Marokko verbrachte. Sie reden kaum miteinander. Doch nachdem sie gegangen ist, versinkt Julien in Erinnerungen.
21. bis 23. Juni: Schatten der Engel (1975).
Die Prostituierte Lily Brest (Ingrid Caven) ist zerbrechlich, vom vielen Herumstehen in der Kälte lungenkrank – und ganz einfach zu schön für ihre Kunden. Denn die Freier bevorzugen üppig-bodenständige Mädchen wie Emma oder Marie-Antoinette. Lily lebt mit Raoul (Rainer Werner Fassbinder), ihrem mittellosen Zuhälter, in einer schäbigen Unterkunft.
24. bis 27. Juni: Jenatsch (1987).
Der Journalist Christoph Sprecher gerät durch ein Interview mit einem spleenigen Anthropologen, der einst die Ausgrabung von Jürg Jenatschs Gebeinen geleitet hatte, unvermittelt in den Bannkreis des legendären Bündner Pfarrers, Freiheitskämpfers und Machtpolitikers aus dem 17. Jahrhundert. Eine Reise, durch Raum und Zeit von Martin Suter.
28. bis 30. Juni: Suisse. (1991).
Schlittschuhprinzessinnen, Outdoor-Sportler, mondäne Welt auf der Hotelterrasse und Thé dansant auf dem Dampfschiff, Kutschenfahrt und Autorennen auf dem Klausenpass. Und natürlich auch Daniel Schmids Heimatort Flims – bei einem Konzert auf der Terrasse des Casinos oder im Bad am Caumasee. Gleichentags: Mirage de la vie (1983). Porträt des deutsch-amerikanischen Filmregisseurs Hans Detlef Sierck / Douglas Sirk. Daniel Schmid gehörte zu seinen Bewunderern und hat – wie auch Rainer Werner Fassbinder – zur Neubewertung der gering geschätzten Arbeiten Sirks beigetragen.
1. bis 4. Juli: Hors saison (1992).
Nach langer Zeit kehrt ein Mann in das Hotel in den Schweizer Bergen zurück, in dem er aufgewachsen ist. Der Gang durch das leerstehende Gebäude, das nun verkauft und abgerissen werden soll konfrontiert ihn unvermittelt mit seiner Vergangenheit. Daniel Schmids autobiografischer, ironisch-wehmütiger Spielfilm vermittelt magische Momente und sinniert über Leben und Tod, über Gegenwart und Vergangenheit, geschrieben von Martin Suter und Daniel Schmid.
5. bis 7. Juli: The Written Face (1995).
In einer Mischung aus Dokumentation und sehr persönlichem Essay verbeugt sich Daniel Schmid vor dem aussterbenden japanischen Kabuki-Theater. Im Mittelpunkt seines Films steht der 45-jährige Tamasaburo Bando, der als Interpret von Frauenrollen höchste Verehrung geniesst.
8. bis 10. Juli: Beresina oder Die letzten Tage der Schweiz (1999).
Ein russisches Callgirl kommt in die Schweiz. Begeistert vom märchenhaften Alpenland, bemüht sie sich um die Einbürgerung. Irina wird ohne ihr Wissen als Informantin eingesetzt und gerät immer mehr in ein undurchsichtiges Gewirr von Interessengruppen. Sie erfindet dubiose Geschichten über ihre Kunden und löst schliesslich einen Staatsstreich aus… Eine schwarze Komödie.
12. bis 15. Juli: Il bacio di Tosca (1984).
Ein Film über die an der Piazza Buonarroti gelegene Mailänder Casa Verdi, der Schmid zum grossen Durchbruch verhalf. (Grosser Preis der Internationalen Filmfestspiele von Florenz). Das Haus Verdi wurde von Giuseppe Verdi zu Beginn des vorletzten Jahrhunderts als Altersheim für mittellose MusikerInnen gegründet. Ein äusserst lebendiges, packendes Porträt von Sängerinnen und Instrumentalisten, denen einst die Opernbühne die Welt bedeutete. Der Film zeigt die verknitterten Gesichter in der «Casa Verdi», wo die brüchigen Stimmen «O sole mio» zum klirrenden Klingen bringen und die Gesichtszüge entgleisen. Der ätherisch-ästhetische Kuss der Tosca wird vom unkontrolliert zuckenden Kiefer der alten Sängerin zu einem Todeskuss verzerrt.
Kino Xenix am Helvetiaplatz,
Kanzleistrasse 52, 8004 Zürich
Programmtelefon und Reservation:
044 242 04 11 oder www.xenix.ch
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